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re:publica 2017

re:publica 17 #LoveOutLoud

Warum mich der stationäre Handel ans Internet verloren hat...

Immer wieder wird uns in diesen Tagen ja vorgehalten,dass der zunehmende Onlinehandel Deutschlands Fußgängerzonen und Fachgeschäfte aussterben lasse (irgendwie habe ich schon, während ich diesen Satz tippe, dieses Déja-Vu Gefühl als hätte ich sowas schon mal von der Musikindustrie gehört...).

Das stimmt aber so gar nicht und ich bin es Leid als Totengräber des Straßenhandels verumglimpft zu werden, bloß weil ich gerne ganz bestimmte Produkte hätte, die der herkömmliche Händler für mich weder bereithält, noch willens wäre, sie für mich zu bestellen.

Ja natürlich gibt es auch hier Ausnahmen: Der Buchhändler ist selbstverständlich noch immer derjenige, der mir ein gesuchtes Buch auch bestellt und so in der Servicequalität noch ganz oben rangiert.

Doch er bleibt eine rühmliche Ausnahme, denn sonst regiert eher die große Tristesse:
Betrachte ich alleine die Einkaufszentren, die ich in meiner Umgebung habe, wird vor allem klar, dass es überall mehr oder weniger dieselbe Auswahl an Geschäften gibt, die nur auf wenigen Positionen variiert.
Handelt es sich dann noch um Geschäfte irgendeiner Handelskette, ist dort auch das Angebot bis auf klitzkleine Varianten komplett dasselbe.

Kurzum: Es macht kaum Sinn, mehrere Einkaufszentren nach einer ganz bestimmten Ware abzusuchen, wenn man sie schon im ersten nicht gefunden hat, weil das Angebot im anderen Center kaum abweichen wird.

Große Einkaufszentren sind nämlich vor allem eins: Tempel für Massengüter und Massengeschmack, Plattmacher der Individualität und Killer des umliegenden Fachhandels, der mit seinem Spezialangebot kaum überleben kann, wenn ihm das "Alltagsgeschäft" mit der 08/15-Ware komplett entgeht... dafür sorgen die großen Marktketten in den Zentren.

Jetzt komme ich ins Spiel:
Nein, ich bin als Mann eben kein Gegner des Einkaufsbummels, es macht mir sogar Spaß!
Doch alleine, so oft ich es auch versuche, es lohnt sich immer seltener...

Nun bin ich eben keiner der von der aktuellen Mode zu begeistern ist oder den neuesten, viel zu großen Fernseher mit der 0%-Finanzierung für das Non-Plus-Ultra der Technik und für ein Must-Have hält.

Ich nehme mein Kundenrecht in Anspruch und möchte kaufen, was ich tatsächlich haben will.
Damit fangen meine Probleme an...

Bleiben wir der Einfachheit halber ruhig beim Beispiel des Fernsehers, den ich vor etwa zwei Jahren ausgesucht und mal wieder nicht im stationären Handel gekauft habe:

Eine der Voraussetzungen für das Fernsehgerät waren seine Maße, denn ich hatte nicht vor, den zuvor erworbenen Schrank auch schon wieder auszutauschen.
Auf Grund dieser Vorgabe war schnell klar, dass nur Geräte bis zu einer bestimmten Bildschrimdiagonale passen würden, je nach dem wie das Gehäuse dazu ausfällt.

Gerätemaße sind Angaben, die im Informationsmedium Internet in den Shops glücklicherweise in den meisten Fällen Standard sind und so grenzte sich die Geräteauswahl zunächst einmal ein.

Nach dem ich mich entschieden hatte, was dass Gerät leisten soll, suchte ich Geräte, die dem gerecht werden konnten, was im stationären Handel manchmal schwierig ist, wenn man z.B. einfach wissen will welche Anschlüsse das Gerät hat und einfach nicht dahinter sehen kann...
Zudem ist die Auswahl in vielen Läden auf im Prinzip identische Geräte unterschiedlicher Bildschirmdiagonale beschränkt.

Trotz allem hatte ich nun bald eine Liste von verschiedenen Geräten und es galt sich für ein Gerät zu entscheiden...
Gesagt und getan... jetzt gucken, wo man das Gerät bekommen kann:
Stationärer Handel leider Fehlanzeige, zu klein für den Mainstream (O-Ton Verkäufer: "In der Größe kauft keiner was...") und offenbar ein älteres Modell... vor Ort nirgends zu haben.

Im Netz überall zu finden, oft auch im Angebot des Fachhandels, nur nicht bei dem um die Ecke.
Also dort im Netz bestellt...

Anderes Beispiel: Schuhe.
Klirrende Kälte in Berlin im Januar, die Stiefel meiner Tochter sind kaputt.
Wir wollen neue kaufen.
"In der Größe haben wir die nicht mehr, die kommen auch nicht mehr rein... jetzt kommt ja die Früjahrskollektion..."
Es schneite noch Ende März und passende Stiefel fanden wir im Internet.

Ich selbst wollte auch ein paar Schuhe.
In den Schuhgeschäften fand sich nur sehr wenig, was mich überhaupt begeistern konnte, meine Aufmerksamkeit wurde jedoch durchaus auf Schuhe einer bestimmten Marke gelenkt.
Im Netz fanden sich noch viele andere Modellvarianten, der (Fach-)Handel jedoch bot nur jene in den häßlichen, aktuellen Modefarben an.
Zuschlag an Zalando.

Gymnastikmatte.
Meine Freundin braucht eine Gymnastikmatte.
Vertrauensvoll begeben wir uns in den örtlichen Sanitätshandel um für ca. 20 € eine Gymnastikmatte zu erwerben, wie sie auch im Netz zu finden waren (Kostenpunkt dort etwa 10 € + 8 € Versandkosten).
Der Sanitätsfachhandel glänzte mit einem Angebot von 42 €, Sportfachhandelsketten hatten sowas erst gar nicht im Angebot.
Fündig wurden wir diesmal bei einem anderen kleinen Fachhändler, der eine Matte für rund 15 € und sogar noch einge andere in ähnlichem Preisegmenten anzubieten hatte.

Alle Beispiele haben jedoch eins gemeinsam:

  • Der stationäre Handel bietet oft nicht mehr das an, was der Kunde haben möchte (Winterstiefel, wenn es draußen kalt ist z.B.), sondern er sagt dem Kunden, was der Kunde gerne haben möchte!
  • Variantenreichtum oder Waren abseits des Mainstreams bekommt man nur mit viel Zeitaufwand und dem Glück in der Gegend überhaupt so einen Fachhändler zu haben.
  • Wer gar ein ganz bestimmtes Produkt haben möchte, ist im stationären Handel mittlerweile falsch, weil kaum ein Händler bereit wäre, es ihm zu bestellen. 
  • Der Zeitaufwand ein bestimmtes Produkt zu finden ist oft zu hoch, rechnet man bei der Gymnastikmatte z.B. den Zeitaufwand für die Suche hinzu, wäre im Netz kaufen sinnvoller gewesen.
Und dann ist da ja noch die dunkle Seite des stationären Geschäftes, wie die Sendung plusminus am gestrigen Mittwoch mal wieder eindrucksvoll bewies:
Die vermeintlichen Lockangebote, die nur dazu dienen, den Kunden vom Preisvergleich abzulenken und Umsätze zu generieren.
Wenn die fachliche Hilfe des Verkaufspersonals sich also immer häufiger auf die Rolle eines Kreditdrückers beschränkt, verliert der stationäre Handel zwangsläufig immer mehr Kunden... spätestens jene, die hinterher aufwachen...


Dann wäre da noch die Sache mit dem CO2-Abdruck und das Internet-Bestellungen mehr Müll erzeugen und einen höheren CO2-Ausstoß erzeugen würden:

Das lässt sich nicht in jedem Fall widerlegen, aber immerhin wird mein Online-Einkauf nicht in einen Plastiktüten-Werbeträger des Verkäufers eingepackt, sondern zumeist in Pappkartons, die sich eindeutig umweltfreundlicher recyclen lassen als diese.

Was den allgemeinen CO2-Ausstoß angeht, so mag es für die erreichbare Standardware aus der Umgend durchaus günstiger sein, sie auch stationär zu erwerben, doch schon für das Buch, welches mir der freundliche Buchhändler bestellt, weil er es nicht im Laden hat, gilt das nicht mehr...
Ob das Buch nun erst zu ihm oder gleich zu mir gebracht wird, macht wohl keinen Unterschied mehr.

Ebenso denke ich, dass der Zeitaufwand und die Fahrten von A nach B um ein bestimmtes Produkt überhaupt zu finden den CO2-Ausstoß mit Sicherheit ebenso, wenn nicht schlimmer erhöhen, als der Transport des Paketes, welches ja selten ganz alleine reist.

Vor allem aber die Mühe auf der Suche nach dem bestimmten Produkt, dass ich gerne erwerben möchte, iste es, die mich bei immer mehr Produkten davon Abstand nehmen lässt, es überhaupt im Laden zu versuchen.

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